Was ich als Hebamme über das Leben lerne
„Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen.“
Hannah Arendt
Wer eine Geburt erlebt, versteht etwas über das Leben. In kaum einem anderen Moment liegen Schmerz, Angst, Hoffnung und Liebe so dicht beieinander.
Seit 25 Jahren begleite ich als Hebamme Frauen und Familien in genau diesem Augenblick. Mit den Jahren habe ich verstanden: Eine Geburt ist mehr als der Anfang eines neuen Lebens. Sie zeigt auch, was Menschen trägt – Kraft, Verletzlichkeit und eine Liebe, die plötzlich da ist und wächst.
Wenn ich das Zitat von Hannah Arendt lese, denke ich an die vielen Kinder, die ich auf ihrem ersten Weg in diese Welt begleitet habe. Mit jedem von ihnen beginnt etwas Neues – für die Eltern, für die Familie und vielleicht auch für die Welt.
Mit 18 Jahren habe ich mich für diesen Beruf entschieden. Ich wollte mit Menschen arbeiten. Am liebsten hätte ich Medizin studiert, doch ich war bereits von zu Hause ausgezogen und bekam keine finanzielle Unterstützung.
Die Hebammenausbildung gab mir etwas, das ich damals dringend brauchte: eine Vergütung, finanzielle Unabhängigkeit – und einen Beruf, der mich bis heute trägt. Ich liebe meinen Beruf. Durch ihn bin ich tief in Berührung gekommen mit der Kraft, die Frauen innewohnt. Jede Geburt ist ein Wunder des Lebens. Ein gewaltiger Schmerz für Mutter und Kind – und zugleich das Geschenk einer tiefen Liebe. Und es berührt mich immer wieder, Übergänge zu begleiten. Frauen in der Schwangerschaft, bei der Geburt und auch im ersten Lebensjahr. Mit einem Baby stellt sich das Leben einhundert Prozent auf den Kopf.
Nach meinen ersten Jahren in der Klinik, in der ich etwa 500 Geburten begleitet habe, arbeitete ich selbstständig in der Vor- und Nachbetreuung.
Heute arbeite ich mehr in der Beratung, ich begleite sehr junge Frauen, Familien mit Migrationshintergrund und alleinerziehende Frauen.
Ich lerne jeden Tag von den Frauen aus anderen Kulturen, was mich begeistert.
So kam z.B. von einer jungen somalischen Frau ihre Mutter für drei Monate nach Deutschland, um ihre Tochter nach der Geburt ihres ersten Kindes zu unterstützen. Die mütterliche Versorgung der eigenen Tochter, die selbst Mutter geworden war, war so stärkend und voller Liebe.
Bei Frauen aus Afghanistan erlebe ich oft eine große Dankbarkeit, wenn ich nach der Geburt zum Hausbesuch komme.
Einmal öffnete mir eine junge Mutter die Tür, ihr Baby war erst drei Tage alt. Sie strahlte, obwohl man sehen konnte, wie müde sie war.
Auf dem Tisch stand ein selbstgebackener Kuchen. Für mich.
Ich war völlig überrascht. Drei Tage nach der Geburt – und sie hatte für mich gebacken, weil sie sich so freute, dass ich komme.
Ich musste lachen und sagte zu ihr, eigentlich sollte ich ihr einen Kuchen mitbringen, nicht umgekehrt.
Eine andere afghanische Mutter bekam ihr drittes Mädchen. Sie lebten zu fünft in einer sehr kleinen zwei Zimmer Wohnung in München. Die Mutter erzählte mir von ihren Sorgen, dass die Kinder kein eigenes Zimmer haben wie bei anderen deutschen Familien. Und dass sie zu Weihnachten auch keinen Weihnachtsbaum kaufen können. Ich hatte ein sehr langes Gespräch mit ihr. Dass diese materiellen Dinge nicht das Wichtigste sind. Dass mich die Liebe und Fürsorge, die ich bei ihnen für die Kinder spüre, sehr berührt. Und dass dies das wichtigste für die Kinder sei. Ich selbst kaufte für die zwei größeren Mädchen ein paar Bücher zum Vorlesen wie z.B. Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren.
Eine junge, 25jährige alleinerziehende Mutter aus dem Iran war auch jedes Mal wenn ich nach der Geburt kam so glücklich und dankbar. Sie klagte nie über schlaflose Nächte oder wie anstrengend die erste Zeit mit einem Neugeborenen Kind ganz alleine ist. Sie erzählte mir, was sie jeden Tag kocht und dass sie bald ihre Ausbildung in Deutschland fortsetzen möchte. Manchmal frage ich mich, ob wir deutschen Frauen nicht ein wenig verlernt haben, dem Leben zu vertrauen. Viele sind nach der Geburt – selbst mit Partner an ihrer Seite – schnell überfordert. Schon die Vorstellung, jeden Tag etwas Frisches zu kochen, scheint manchmal zu viel.
Nach so vielen Jahren als Hebamme weiß ich: Mit jeder Geburt beginnt mehr als ein neues Leben. Auch für die Eltern beginnt etwas völlig Neues – eine Verantwortung, eine Liebe, eine Verletzlichkeit.
Vielleicht meinte Hannah Arendt genau das, als sie schrieb, dass jeder Mensch als „Anfang“ in die Welt kommt.
Als Hebamme darf ich Zeugin dieser Anfänge sein. Und jedes Mal erinnert mich eine Geburt daran, dass das Leben immer wieder neu beginnt.
